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Das geheime Feld (2010)

„Was hast du da?“
Gunter trat von einem Bein auf das andere.
„Nun zeig schon her, mach nicht so ein Gehabe.“
Der vierschrötige Mann zog die Hand hinter dem Rücken hervor und öffnete sie zögerlich.
„Was in Gottes Namen ist das?“
„Es ist – na ja, man nennt es Tartoffel.“
Lisbeth riss die Augen auf. „Du meinst diese komischen Dinger, die man aus der Erde gräbt?“
Er druckste ein wenig, dann reckte er trotzig das Kinn vor. „Die Kinder haben Hunger.“
„Du ja wohl am meisten, obwohl ...“, sie musterte ihn abschätzig, „du keineswegs so aussiehst.“
Mit spitzen Fingern pickte sie eine Knolle aus seiner Hand und hielt sie weit vom Körper, als könne sie sich jeden Augenblick als giftiges Insekt erweisen. Lisbeth drehte und wendete das fremdartige Ding, betrachtete es ausgiebig von allen Seiten. Sie trat einen Schritt zu der schmalen Fensteröffnung, um ja kein Detail zu übersehen und schließlich hob sie die Tartoffel gar vor die Nase und schnüffelte hörbar. Gunter beobachtete mit offenem Mund ihr Tun und fragte sich nicht zum ersten Mal, wie jemand die Frauen verstehen sollte. Lisbeth schien zufriedengestellt, wortlos ließ sie die Tartoffel in seine geöffnete Handfläche fallen. Spätestens jetzt hätte er aufmerksam werden müssen, beim Anblick ihrer leicht gekrausten Mundwinkel. Da er es jedoch in der Gewissheit ihrer Zustimmung an der gebotenen Wachsamkeit hatte fehlen lassen, traf ihr bissiger Kommentar ihn unerwartet.
„Ich werde diese Wurzelknollen auf keinen Fall anrühren! Sie sind schmutzig und ihre pelzige Schale ...“ Sie führte den Satz nicht zu Ende, ihr Gesichtsausdruck hingegen sprach Bände. Sie schüttelte sich. „Niemals!“
Gunter schluckte einen Fluch hinunter und verlegte sich aufs Bitten. „Lisbeth so hör doch, lass uns nur einen Versuch wagen. Ich werde sie auf dem brachliegenden Feld hinten am Waldrand anpflanzen. Sie brauchen auch gar nicht viel, nur ein bisschen Wasser und Pflege. Ich kümmere mich drum, versprochen.“ Er holte Luft und reckte ihr flehend die Hand mit seinem Schatz entgegen. „Man nennt sie Äpfel der Erde. Sieh nur, wie schön sie sind.“

 

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