www.Wort-Licht.de


Lisbeth teilte seine Meinung offensichtlich nicht, ihr Blick haftete weiterhin mehr als skeptisch auf der Knolle. Er plapperte weiter, nicht bereit die Hoffnung so schnell aufzugeben. „Ich habe reden hören, dass man vielerlei leckere Gerichte daraus bereiten kann.“
„Und ich habe gehört, dass schon so mancher arges Bauchgrimmen nach dem Verzehr erlitten hat. Nicht mal die Hunde rühren sie an.“
Er schüttelte heftig den Kopf. „Dann haben sie es verkehrt angefangen. Die Beeren darf man nicht essen, sie sind ungenießbar und auch die rohe Frucht. Das Geheimnis liegt in der Zubereitung! Man muss sie in Wasser kochen, bis sie mürbe werden. Und die Schale entfernen, das ist wichtig.“ Sie quittierte seine Worte mit einem Naserümpfen.
„Und weißt du, was das Beste ist? Dunkel gelagert sind sie über lange Zeit schadlos aufzubewahren.“ Lisbeths strenger Gesichtsausdruck lockerte sich ein wenig, so setzte er noch einen drauf. „Glaub mir Frau, die Knollen sind ein wahrer Schatz.“
Sie zögerte mit einer Antwort, als wolle sie ihm ihre Gunst nicht so leicht wieder gewähren.
„Warte nur, du wirst es erleben. Spätestens, wenn das Getreide knapp wird.“ Den nächsten Satz murmelte er, hatte dabei jedoch außer Acht gelassen, dass sein Eheweib über ein ausgezeichnetes Gehör verfügte. „Und schließlich, wenn der König sogar seine Felder bewachen lässt ...“
Ihr Gesicht nahm die Farbe einer Mohnblume an und Gunter ging in Deckung.
„Gunter! Du hast doch nicht etwa ...“ Auf ihren Wangen erblühten unzählige rote Flecken, die Böses ahnen ließen. Vorsichtshalber wich er einen Schritt zurück. Mochte seine Gattin auch von schlanker Gestalt sein, so steckte in ihrem zierlichen Körper ein durchaus stürmisches Gemüt. Drohend verkürzte sie den Abstand zwischen ihnen.
„Von des Königs Feldern gestohlen, oh guter Gott. Wir werden noch alle im Kerker enden. Was hast du dir nur dabei gedacht? Hast du überhaupt dein Quäntchen Verstand bemüht, he?!“
In Augenblicken wie diesen war er heilfroh, dass sie so zart gebaut war. Er entschied sich für die vielfach bewährte Stillhalte-Methode - ruhig bleiben und den Kopf einziehen, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Unauffällig ließ er den Stein des Anstoßes in seiner ausgebeulten Jackentasche verschwinden. Mochte er auch einen Fehler begangen haben, in dieser Sache würde er nicht klein beigeben. Was sollte er schließlich tun, zurückbringen konnte er die Beute ja schlecht. Seine Finger ballten sich in der Tasche zur Faust und mit festem Griff umschloss er die Tartoffel. Auch Lisbeth behielt nicht immer recht, wenn auch zugegebenermaßen öfter, als ihm lieb war.