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Unbemerkt hatte sich ein weiterer Neugieriger eingefunden.
„Ihr redet wohl über mich, was?“ Interessiert schielte der Pfarrer von einem zum anderen. Mit einer ausholenden Handbewegung zum Tartoffelfeld fuhr er fort: „Wahrlich ein hübscher Anblick, doch werden sie schon welk und taugen also nicht mehr als Blumenzier.“ Er zwinkerte Gunter zu. „Reg dich nicht auf, du kennst doch den Ausspruch: was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Da kannst du lange reden, wenn du den bekehren willst.“ Er verzog das Gesicht. „Glaub mir, ich spreche aus Erfahrung.“
„Ich bin mir sicher, dass sie genießbar sind. Kochen muss man sie halt.“
Der Pfarrer wedelte beschwichtigend mit den Händen. „Wer weiß, wer weiß. Vielleicht hast du Recht und es ist an der Zeit für Neuerungen!“
Gunter nickte eifrig. „Schließlich hat sogar der König angeordnet, die Knollen anzubauen.“
Hubert grollte aus dem Hintergrund. „Der Alte Fritz braucht Proviant für seine Soldaten, nichts weiter.“
„Na und wenn`s die satt macht, wird´s für uns wohl auch reichen.“
Der Pfarrer beschwichtigte. „Lasst ab ihr Streithähne!“
„Na in jedem Fall ist es besser, als zu hungern. Eine Hungersnot haben wir bereits  hinter uns, wer weiß, wann die Nächste ins Haus steht.“
„Du wirst schon noch sehen was du davon hast, ja wirst es noch sehen. Elendes neumodisches Zeug.“ Hubert trollte sich laut schimpfend und der Pfarrer blinzelte Gunter verschwörerisch zu. „Da hast du ja ganz schön für Gerede gesorgt im Dorf.“ Er bückte sich und inspizierte eine Pflanze. „Und du bist sicher, dass die Dinger genießbar sind?“
Gunter ließ sich nicht beirren. „Ich bin felsenfest überzeugt davon.“
„Nun, dein Wort in Gottes Ohr mein Freund. Vielleicht vermagst du die Leute zu bekehren, wo es dem König misslungen ist. Sein Kartoffelbefehl hat die Menschen nur noch verstockter gemacht. Die Preußen lassen sich eben nicht gern vorschreiben, was sie zu tun haben.“
Da musste Gunter ihm zustimmen. Er erinnerte sich gut an seinen eigenen Ärger, als vor nicht ganz zwei Jahren König Friedrich die Circular Ordre ausgab. Wo immer ein leerer Platz zu finden sei, sollten die Bauern Tartoffeln anbauen. So weit so gut, doch dass die Land-Dragoner den Fleiß der Bauersleute kontrollieren sollten, war dann wirklich zu viel gewesen. Sogar Geldstrafen wurden den Unwilligen angedroht, Gunter hatte es zuerst nicht glauben wollen. Wen wunderte es da, dass die Bevölkerung einfach den Kopf eingezogen und weitergemacht hatte wie immer. Schließlich waren die Preußen noch nie für ihre Folgsamkeit berühmt gewesen. Da hatte der Alte Fritz sich ganz schön verrannt und letzten Endes, als weder Befehle noch Strafen eine Änderung bewirkten, hatte der König seine Bemühungen aufgegeben. Er ließ die Tartoffeln wohl von seinen Soldaten anpflanzen und verköstigte sie damit, doch Kämpfer waren noch nie gute Landwirte gewesen und so war der Ackerbau von mäßigem Erfolg gekrönt.
„Was hat dich dazu bewogen, den Anbau zu versuchen?“
Der Pfarrer musterte ihn neugierig. Gunter musste nicht lange nachdenken, er wusste nur zu gut, was den Umschwung bewirkt hatte.
„Na ja ...!“ Er druckste ein wenig herum. „Der Alte Fritz lässt seine Felder neuerdings bewachen und da dachte ich ...“
Der Pfarrer grinste breit. „Da dachtest du, wenn`s der König bewachen lässt, ist es gerade gut genug für dich.“
Gunter stimmte in sein Lachen ein und knuffte ihn in die Seite. „Genau!“
„Du hast sie doch nicht gar auf des Königs Acker ausgebuddelt oder? Du weißt, dass Diebstahl eine Sünde ist.“
Gunter murmelte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart und ließ sich nicht weiter darüber aus, wie genau er in den Besitz der Knollen gekommen war.