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Gunter beobachtete mit Argusaugen, wie das Laub seiner Pflanzen welk wurde und schließlich müde hernieder sank. Innerlich betete er, dass er alles richtig angepackt hatte. Und dann eines sonnigen Herbsttages im Jahr 1758 beschloss er, nachzusehen. Behutsam grub er den Boden auf, dort wo er die Erde angehäuft hatte. Vorsichtshalber tröstete er sich schon einmal, dass es eben ein Versuch gewesen war und er nichts verloren hatte. Er zerbrach eine harte Scholle und ließ Erdkrümel durch die Finger rieseln. Als seine Hände im Inneren einen festen Kern spürten, zuckte er zusammen. Sorgsam rieb er den Schmutz ab und betrachtete staunend seinen Fund. Nicht lange und er hatte einen großen Korb mit Erdäpfeln gefüllt, die ihm im Licht der untergehenden Sonne berauschend schön erschienen.

Gunter erinnerte sich nicht, wann er das letzte Mal gekocht hatte. Lisbeth war mit erhobenem Kinn aus der Hütte gerauscht und hatte ihm die Zubereitung der verschmähten Frucht überlassen. Andächtig befreite er die Tartoffeln von ihrer rauen Schale und jede Einzelne hielt er ein klein wenig länger in der Hand, als nötig gewesen wäre. Goldgelb saftig lagen sie vor ihm und fast tat es ihm leid, sie dem siedenden Wasser zu übergeben.
Nur eine Stunde später saß die Familie einträchtig um den Tisch. Greifbare Spannung lag in der Luft, und selbst die Kinder, die sonst nie still sitzen konnten, verhielten sich unnatürlich ruhig. Lisbeth standen ihre Bedenken ins Gesicht geschrieben und alle warteten, dass einer den ersten Griff wagen würde. Die dampfende Steingutschüssel in der Mitte des Eichentisches erinnerte Gunter an - ja natürlich, jetzt wusste er es. Sein Traum, genau diese Szene hatte er vor Augen gehabt. Er streckte eine Hand aus und gab drei Erdäpfel auf seinen Teller. Alle Blicke hingen an ihm, als er eine Tartoffel ergriff und sie langsam zum Mund führte. Er nahm den ersten Bissen und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. „Lecker, oh Mann, echt lecker,“ stöhnte er, während er gleichzeitig nach Leibeskräften kaute.

Lisbeth blieb nicht lange bei ihrer Weigerung. Seit dem ersten gemeinsamen Mahl machte sie sich ein Vergnügen daraus, die Tartoffeln auf jede erdenkliche Weise zuzubereiten. In der Schale gebacken, mit Butter und Sahne, als Brei geknetet - ihre Variationen wollten gar kein Ende nehmen. Und kein Wort verlor sie mehr über ihren Streit. Im Gegenteil verkündete sie überall im Dorf, welch ein Genuss der Verzehr der Erdäpfel sei und wie überaus stolz sie auf ihren Mann sei, dass ihm dieses gewagte Experiment gelungen sei. Ja, die Frauen sollte einer verstehen.