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Der Geist (2010)

Romer schüttelte sich und glitzernde Tropfen regneten nach allen Seiten. Was im kalten Licht der Novembersonne so idyllisch aussah, war in Wirklichkeit eine Geste der Verzweiflung, ein sinnloser Versuch die eisige Feuchte loszuwerden. Den ganzen Tag lang hatte der Winter ihn auf seinem mühseligen Kampf durch den Schnee belächelt und sein Fell mit zahllosen winzigen Eissternen geschmückt. Er stieß ein klagendes Heulen aus, das ohne Antwort verwehte. Der Gedanke an die Wärme seiner Mutter und den Schutz des Rudels trieb ihn weiter.

Die Nacht senkte sich in trübem Bleigrau vor die Sonne und erstickte rasch das letzte Tageslicht. Rastlos strich Romer durch ein Waldstück, das zu den bevorzugten Aufenthaltsorten seines Rudels gehörte. Die Stille jagte ihm Angst ein. Endlich fand er eine trockene Stelle unter den weitausgreifenden Zweigen eines alten Baumes. Hier roch es still und sicher, ganz leise lag noch der vertraute Geruch nach Familie in der Luft. Zitternd rollte er sich zusammen.

Blitz und Donner knallten. Planlos zerstob das Rudel in alle Richtungen. Keine Wolke am Himmel, der Donner hallte aus den Büschen. Nicht weit von ihm jaulte ein Wolf seinen Schmerz in den Nebel. Und er rannte. Lief und lief, bis er nicht mehr konnte.
Zitternd erwachte Romer. Der Traum, eine kompromisslose Wiederholung der Wahrheit, zwang seine Kiefer in einen Krampf. Seine Ohren zuckten, als nicht weit von ihm ein Zweig knackte. Vertraute Geräusche, durch die Einsamkeit zur Bedrohung verzerrt. Er witterte nach allen Seiten, bis er sich allmählich wieder entspannte. Morgen, morgen würde er sie wiederfinden. Und alles würde so sein wie vorher.

Obwohl er den ganzen nächsten Tag das Territorium durchstreifte, fand er keine Spur seines Rudels. Kein Abdruck unterbrach das endlose Weiß. Gegen Mittag drang ihm ein beängstigender Gestank in die Nase, und er schlug einen riesigen Bogen um die Donnerlichtung. Blutrot legte sich der Geruch über seine Wahrnehmung und er rannte bis er nicht mehr konnte. Beim Gedanken an Mutter jaulte er. Wenn er nur ein wenig älter wäre, ein wenig größer. Doch er blieb ein Jungwolf, der gerade seinen ersten Winter erlebte. Er hatte nur einen Vorteil, der ihm bisher als solcher gar nicht bewusst gewesen war.

 

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