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Weiß auf weiß wanderte er durch den Schnee. Zwei rote Augen einziges Zeichen einer Präsenz in weißer Endlosigkeit. Romer verzog die Schnauze, als er an die Aufregung nach seiner Geburt dachte. An die bellende Unruhe und die Unkenrufe, als Mutter zähnefletschend den neuen Wurf präsentierte. Ein Albino im Rudel bringt Unglück. Vielleicht hatten sie recht gehabt. Wie sollte man sich auch tarnen, wenn man die Farbe einer Schneeflocke hatte? Jetzt jedoch kam ihm seine Einzigartigkeit zum ersten Mal zu Gute. Er verschwamm mit der Farbe des kalten Weiß und huschte daher wie ein Bruder der eisigen Kälte.

Am nächsten Tag plünderte er einen Kaninchenbau. Er fühlte sich besser, als der nagende Hunger in seinen Eingeweiden sich in zufriedene Wärme verwandelte. Gemächlich trottete er weiter. Irgendwann gegen Abend erreichte er die Grenze ihres Gebietes. Hier änderte sich die Vegetation, die Bäume wichen niedrigen Sträuchern und der Boden wurde steinig. Nach kurzem Überlegen drehte er um, lief dann mit weit ausgreifenden Schritten parallel der unsichtbaren Markierung weiter.

Drei Tage vergingen, in denen immer wieder die Einsamkeit ihre Krallen in seine Seele schlug. Am vierten Tag erfüllte ihn schon am frühen Morgen ein ungutes Gefühl vom Schwanz bis in die Pfoten. Ganz schwach, fast unmerklich lag wieder der rote Geruch in der Luft. Hin- und hergerissen umkreiste er weitläufig die Lichtung. Er knurrte und sein Fell sträubte sich vor Argwohn. Immer, wenn er ein paar Schritte näher lief, trieb ihn die Angst zu einem Sprung zurück. Doch der Sog wurde stärker, er musste Gewissheit haben.

Den Schwanz eingezogen schlich er näher. Drückte sich eng an den Boden und hätte am liebsten laut geheult, um die Angst und Anspannung los zu werden. Mühsam zwang er sich still zu bleiben. Zwar witterte er keine Anwesenheit, doch auch beim letzten Mal hatten sie nichts bemerkt. Je näher er kam, desto schlimmer wurde der Geruch, das Rot brachte ihn fast um den Verstand. Wieder hörte er den Donner, verband das Rot mit dem Jaulen eines verletzten Wolfes. Wild schüttelte er den Schädel um die Bilder loszuwerden. Dabei wäre er fast an dem Schneehaufen vorbei gelaufen. Bei näherer Betrachtung zählte er neun davon, unscheinbar im Weiß verschwimmend. Nur einen grub er auf, das Bild des nackten blutigen Körpers würde er nie mehr vergessen. Seine dünne Stimme schickte einem Klageruf über die Lichtung. Dann verließ er den Ort seiner Alpträume, mit hängender Rute schlich er durch die Bäume. Später rannte er. Gejagt von dem Geruch nach Rot und dem Bild eines Wolfes ohne Fell. Als er sich endlich hechelnd fallen ließ, schlug sein Herz so laut wie der Donner in seinen Träumen. Er hielt fest an der einzigen Gewissheit, die ihm Hoffnung gab: Mutters Geruch war nicht auf der Lichtung gewesen.