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Der rote Geruch verfolgte ihn wie ein böser Geist, vor allen Dingen in die dunklen Kammern der Nacht. Immer wieder das Bild der Donnerlichtung und das Heulen seiner Brüder. Dann kam der Tag, als er die Witterung aufnahm. Ein Zufall, mehr nicht. Gerade überquerte er  einen befestigten Weg, lauschte aufmerksam nach allen Seiten. Mutter hatte ihm beigebracht Menschenwege zu meiden, doch dieser durchquerte das Territorium wie eine Achse. Und mitten auf dem gefährlichen Weg getränkt mit fremden Gerüchen, stieg ihm eine schwache Wolfswitterung in die Nase. Er stand wie eine Statue. Von diesem Tag an folgte er dem Menschenweg.

Verborgen im Gebüsch, manchmal kaum noch in Sichtweite. Bis die ersten Hütten den Weg säumten. Wäre Romer seinem Instinkt gefolgt, er hätte keine Sekunde gezögert dieser Gegend den Rücken zu kehren. Nur die schwache Erinnerung an den Geruch seiner Mutter hielt ihn in der Nähe. Nacht für Nacht durchstreifte er die Umgebung, lauerte, wachte. Bis er entdeckt wurde.

Es war in einer hellen Vollmondnacht. Längst war der Schnee getaut und matschiger Nässe gewichen. Romer schlich geräuschlos an einem riesigen Kasten vorbei, seine Wahrnehmung schwelgte im Geruch von etwas Verführerischen, als ihn eine feuchte Schnauze an der Flanke berührte.
„Was zum Henker tust du hier? Bist du ein Hund?“
Romer wandte sich zur Flucht.
„Ein Wolf, ein weißer Wolf. So was wie dich habe ich noch nie gesehen. Bist du ein Geist?“
Mit erhobener Pfote verharrte der junge Wolf.  
„Vielleicht bin ich das.“
Eine massige Gestalt trat in sein Blickfeld. Im ersten Moment fühlte Romer sich an einen Wolf erinnert, doch bei genauerem Hinsehen zweifelte er.
„Was bist du?“
„Was ich bin? Ein Hund, kennst du keine Hunde?“
Romer blinzelte verlegen.
„Nein, wohl nicht. Bist noch ziemlich jung, was? Und ganz allein. Ich frage mich, weshalb sich ein Jungwolf wie du in einem Menschendorf aufhält. Bist du lebensmüde?
Der weiße Wolf knurrte leise, was sein Gegenüber jedoch eher zu belustigen schien.
„Schon gut. Sei friedlich, ich will dir nichts Böses.“
„Mutter, ich suche meine Mutter. Ihre Witterung auf dem Weg...“
Schweigen füllte die Nacht, heller als der Vollmond. Aus den Augen des Hundes leuchtete Mitgefühl.
„Kleiner, vergiss es. Sie töten Wölfe, ihrer Felle wegen. Sie lassen sie nicht am Leben. Geh deiner Wege und lebe.“
„Sie wollen unsere Felle?“
„Du kennst die Menschen nicht, oder?“
Romer schüttelte den Schädel.
„Ein Wolfsfell ist Zeichen ihrer Stärke. Sie hängen es an die Wände ihrer Hütten und prahlen damit. Was glaubst du, was sie mit dir anstellen werden? Ein weißer Wolf ist eine Rarität.“