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Hier zwei mal Heimatkunde über meinen Geburtsort Rheinbach enstanden im Jahr 2009 - die Fakten entstammen den Erinnerungen meines lieben Papa.

Villa Maria

Hilde hielt ihre Söhne fest an den Händen und bog von der belebten Hauptstraße in die kleine Gasse zum Kallenturm. Überall in Rheinbach hatte der Krieg deutliche Spuren hinterlassen. Die Häuser duckten sich eng aneinander, als wollten sie sich gegenseitig Halt geben. Nur der Kirchturm ragte trotzig gen Himmel, als könne er die Zerstörung der Pfarrkirche ungeschehen machen.
„Mami werden wir hier bleiben?“
Sie wich dem Blick ihres Ältesten aus. „Ja Schatz“, murmelte sie und verwünschte das Zittern in ihrer Stimme. Auch wenn sie hoffte, dass ihre Reise hier ein Ende gefunden hatte, blieb ein nagender Zweifel, der sie nicht zur Ruhe kommen ließ. Bei dem Gedanken an Böhmen, die verlorene Heimat, tat ihr Herz einen schmerzhaften Schlag. Unter den forschenden Augen ihres Sohnes riss sie sich zusammen und zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Hier ist jetzt unser Zuhause.“ Und obwohl ihr der Satz die Kehle wundrieb, gab sie sich alle Mühe daran zu glauben.

In einem weiten Bogen kehrten sie zurück zur „Villa Maria“. In dem ehrwürdigen Gebäude Ecke Ramershovener und Koblenzer Straße hatten außer ihnen noch drei weitere böhmische Familien Unterschlupf gefunden. Eng ging es zu und laut, ein Durcheinander aus Vertriebenen, Flüchtlingen und Einheimischen, doch immerhin ein Dach über dem Kopf. Und, was fast noch wichtiger war, Arbeit, denn im hinteren Teil der Villa befand sich der Glasveredlungsbetrieb von Herrn Mylan. Hilde überlegte, ob Zufall oder Fügung ihn damals nach Bayern geführt haben mochte - auf der Suche nach Facharbeitern. Jedenfalls hatte die Entscheidung nach Rheinbach zu kommen, ihrem Leben eine neue Wendung gegeben - und Hoffnung auf eine Zukunft.
Sie erreichten das Haus und Hilde neigte den Kopf in einem stillen Gruß an die Marienstatue, der die Villa ihren Namen verdankte. Sanftmütig blickte die Mutter Gottes von ihrem Platz hinter dem niedrigen Metallgitter auf sie und ihre Kinder. Das steinerne Kreuz über ihrem Haupt hob sich wie ein Hoffnungsbringer klar und scharf in den Himmel, als wache es über die Menschen, die hier Zuflucht gefunden hatten. Kurz vor der Eingangstür nahm Hilde einen tiefen Atemzug und wappnete sich gegen das vertraute Gefühl von Enge.

Ein Schwall abgestandener Luft schlug ihnen entgegen, als sie die winzige Zweizimmerwohnung betraten. Rudolf saß an dem kleinen Tisch im hinteren Drittel des Raumes. Er lachte breit, als die Jungen durchs Zimmer stürmten und ihm in die Arme fielen. „Vater, wir sind wieder zu Hause.“ Hilde fing den Blick ihres Mannes auf, der nichts oder alles bedeuten konnte. Er räusperte sich und als er schließlich sprach klang seine Stimme rau. „Ja Kinder, wir sind wieder zu Hause.“

Anmerkung des Verfassers: Die Marienstatue steht heute vor dem Rheinbacher Krankenhaus.

 

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