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Vergissmeinnicht

Erich nickte Schwester Gonzaga zu. Zu winken traute er sich nicht, denn er benötigte beide Hände, um seine wertvolle Last sicher zu transportieren. Ein Erdklumpen stahl sich durch seine Finger und zerplatzte auf dem Gehweg vor dem Kindergarten. Er umklammerte den Wurzelballen fester und grinste bei dem Gedanken, wie gut die blauen Blüten in sein Gärtchen passen würden.

Zu dritt nahmen sie den Weg über die Gräbbachbrücke zum Palottinerweg. Erichs Konzentration galt dem Gleichgewicht, das zu halten sich mit vollen Händen als recht schwierig erwies. So bemerkte er nicht sofort, dass die anderen ein Stück zurückgeblieben waren. Als der Umstand in sein Bewusstsein drang, blieb er stehen und scharrte unruhig mit den Füßen. Dann, nach einem vergeblichen Moment des Wartens, drehte er um und entdeckte seine Begleiter unter dem Nussbaum gleich neben der Mauer.
„He, wollt ihr mal was Besonderes sehen? So was habt ihr euer Lebtag noch nicht zu Gesicht bekommen!“
Erich ging näher und reckte den Kopf, um einen Blick auf dieses Besondere zu erhaschen, das zwei Schüler in einem Ranzen verborgen hielten. Einen Augenblick lang zierten sich die Jungen, dann zeigten sie mit glühenden Wangen ihren Fund vor. Gebannt starrten die Kinder auf ein Gebilde, dessen Metallhülle die Sonnenstrahlen reflektierte. Erich zog die Augenbrauen hoch. „Was ist das?“
Ratloses Schweigen und Schulterzucken, selbst die Finder schienen keine Idee zu haben, worum es sich bei dem geheimnisvollen Gegenstand handelte. Man drehte und wendete es, betrachtete es von allen Seiten, ohne des Rätsels Lösung näherzukommen. Die Luft vibrierte vor Spannung und Erich machte einen Luftsprung, als urplötzlich ein Erdbrocken auf seinem linken Schuh zerplatzte. Erst im nächsten Moment fielen ihm die Vergissmeinnicht wieder ein, deren Wurzelballen er immer noch fest umklammert hielt. Ein letzter bedauernder Blick auf das metallische Glänzen, dann begab er sich schulterzuckend auf den Heimweg. Er hatte die Ramershovener Straße gerade erreicht, als eine Explosionswelle den Boden erschütterte.

Noch Jahre später erzählte man im Kindergarten „Liebfrauenwiese“ wie Vergissmeinnicht an diesem Tag ein Leben retteten.


Anmerkung des Verfassers: Dieser Vorfall ereignete sich am 14.5.1949. Bei der Explosion einer Handgranate fanden zwei Jungen den Tod, ein Mädchen erlitt schwere Verletzungen. Der Name der Hauptperson wurde geändert.

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