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Rhythmus Leben (2011)

Der alte Mann presste die Lippen aufeinander. „Altersstarrsinn“ blitzte es ihm aus zwei Augenpaaren entgegen. Scheinbar besaßen nur Menschen eines gewissen Alters das Recht auf eine eigene Meinung. Er starrte zu Boden und übte sich in Reglosigkeit. Nach einer gefühlten Ewigkeit verließen die Kinder sein Haus.

Während Peter die Scheite im Ofen zu einer ordentlichen Pyramide aufschichtete, dachte er darüber nach, wann ihm die Zeit entglitten war. Eben noch gehörte er zur arbeitenden Bevölkerung. Jetzt, kaum einen Wimpernschlag später, glänzte sein Haar silbrig und runengleiche Furchen verwandelten sein Gesicht in eine Schattenlandschaft.
Mit einem Zischen entflammte das Zündholz, der Schein des Feuers tauchte die gute Stube in flackerndes Rot. Der Schrank, genau der, dessen zerstörte Scheibe Marie zu einem ihrer legendären Wutausbrüche getrieben hatte, schimmerte rosa und orange, als erlebe er einen Sonnenuntergang.
Ob sich die Kinder ihr gegenüber ebenso verhalten hätten? Eine müßige Frage, denn obwohl Statistiken plakativ die längere Lebensdauer von Frauen in Zahlen zementierten, gähnte ihr Sessel leer, so leer, dass es ihn schmerzte.

Im Zeitlupentempo bezwang Peter die lächerlichen vier Stufen vom Vorbau in den gepflasterten Hof. Er zischte eine Dunstwolke in die kühle Novemberluft, als das Kniegelenk seines rechten Beines zuckend protestierte.
„Willst du wohl spuren“, murmelte er und knirschte mit den Zähnen, als der Reiz das Schmerzzentrum erreichte. Einen Schritt nach dem anderen, hölzern wie eine Marionette. Mit jedem weiteren Schritt würde es eine Idee leichter werden.
Tack, tack, tack hämmerte die verhasste Gehhilfe den Takt aufs Pflaster. Winzige Schweißperlen trotzten auf seiner Stirn der Vorwinterkühle. Wo Bewegung endete, folgte der Tod. Seine längst erwachsenen Kinder hatten Argumente und Fakten gekonnt präsentiert.
80 km Fahrt, Vollzeitjob und Familie - sie konnten nicht für ihn sorgen.
Tack
Mit über 80 Jahren sei es nur vernünftig, das Haus aufzugeben.
Nach Maries Tod sei er vereinsamt.
Tack, tack
Mit einem Mal fühlte er sich erschreckend machtlos, auf eine unausgesprochene Weise entmündigt. Und verdammt wütend. Sein leiser Fluch brachte ihm einen schiefen Blick der jungen Frau von Nummer 13 ein. Auf ihrem Gesicht wechselte Besorgnis mit  Argwohn und hätte Peter ihre Gedanken erraten sollen, wären sie wohl etwa so ausgefallen: „Komischer Kauz der alte Knabe aus Nummer 6. Ist sonderbar geworden, seit seine Frau gestorben ist. Jemand müsste sich um ihn kümmern.“
Tack, tack
Marie und er hatten selten Worte benötigt. Vom ersten Tag an tickten ihre Empfindungswelten erstaunlich synchron. Vielleicht kamen ihm die aneinandergereihten Buchstabengebilde deshalb so unzureichend vor, nichts als leblose Hülsen, die das Wesentliche allzu oft verfehlten.

 

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